Keine Sorge, es geht nur um Leben und Tod! Reflexionen zum Mediengipfel Lech/Arlberg

Es ist den Veranstaltern des 5. Mediengipfels (1.12 – 3.12.2011) in Lech /Arlberg wirklich hoch anzurechnen, ein so wichtiges, jedoch wenig populäres Thema ganz oben auf die Agenda gesetzt zu haben: die autoritären Entwicklungen in Ungarn unter den Augen der europäischen Administration. Auch die weiteren Debatten zum aktuellen Zustand EU-Europas waren erfrischend heterogen und so leidenschaftlich geführt, wie man sich das für dieses europäische Projekt nur wünschen kann. Gut so. Weiter so!

Irrtümer des gemeinsamen Europa

Der erste Abend in Lech war den Irrtümern des gemeinsamen Europa und der Fehleranalyse gewidmet. Im Zentrum der Diskussion stand die alte Richtungs-Frage: Avantgarde oder Demokratie. Soll eine kleine Elite die europäische Integration vorantreiben oder eine möglichst große Beteiligung der europäischen Bürgerinnen und Bürger angestrebt werden? Nun, eine derart komplexe Frage auch nur halbwegs auf ihre zentralen Punkte zu leiten, war der Verdienst der Gesprächsleiterin Alexandra Föderl-Schmid von der Tageszeitung Der Standard. Überwiegend herrschte bei den Diskutanten Übereinstimmung darin, dass die Nationalstaaten-Ideen zwar überholt sind, dieses ideelle Vakuum aber zur Zeit nicht zu füllen ist. Joachim Riedl von der Wochenzeitung Die Zeit meinte etwa, dass die Verankerungen der nationalstaatlichen Idee in der Bevölkerung nicht „einfach müde lächelnd ignoriert“ werden dürfe. Bestenfalls unscharf waren die, in diesem Zusammenhang entwickelten, Szenarien: Im längst überholten links-liberalen feel-well-Konzept der Governance und einer nebulösen transnationalen Demokratie das Heil zu suchen, ist angesichts der Problemlagen nicht vertrauensbildend. Auch dann, wenn der Vater des Gedanken nicht nur der Wunsch danach ist, sondern Jürgen Habermas heißt. Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung die richtgien Worte dazu gefunden. Der Mangel an anschluß- und integrationsfähigen Leitbildern ist dabei ein wesentliches Problem, laut Konrad Paul Liessmann ist sogar zu bezweifeln, ob das integrativste, das Friedensprojekt Europa, noch hinreichend tragfähig ist.

Robert Menasse bestellt Grüße aus Auschwitz

Damit zum eigentlichen Inputgeber dieses Europa-Themen-Panels, Robert Menasse, der Grüße aus Auschwitz bestellend, just diese Metapher als Absage an sämtliche Nationalismen und gleichzeitig als das Gründungsmanifest der europäischen Integration zu verstehen geben wollte. Das Problem bei diesem, offenbar als zornige Rede eines begeisterten Europäers konzipierten Vortrages war, es gelang nicht diese Einstiegs-Pointe verständlich zu entwickeln. Auch ist, meiner Ansicht nach, Auschwitz wohl eher die Metapher für antisemitisch motivierten Judenmord als für Nationalismus, aber diese Unschärfe hätte ich in diesem Kontext gerne ertragen, wenn jenseits Menasses assoziationsreichen Bemühens klar geworden wäre, welche nachvollziehbare Idee dahinter stecken könnte. Vielleicht aber hoffte er ja nur auf das Selbstläufertum eines solchen semantischen Geschützes? Das wäre dann, frei nach Charles Ritterband von der NZZ, als „penetrant“ zu bezeichnen.

Pressefreiheit in Ungarn?

Das nächste, sehr viel enger formulierte Panel-Thema, „Pressefreiheit in Ungarn – Bilanz zu einem umstrittenen Mediengesetz“, ließ sich freilich klarer in diskussionswürdige Aspekte gliedern. Der ehemalige, wohl aus politischer Opportunität entlassene Außenpolitik-Chef des staatlichen ungarischen Fernsehens, Lásló Benda, berichtete über eindeutig autoritäre Entwicklungen im Medienbetrieb, die im kommunistischen Ungarn wohl kaum anders verlaufen wären. Michael Frank von der Süddeutschen Zeitung lieferte wertvolle Eindrücke über diese Eingriffe auf Basis seiner Erfahrungen, aber verabsäumte es nicht auch darauf hinzuweisen, dass das in Westeuropa vorherrschende Links-Rechts-Schema der journalistischen Berichterstattung, vielerlei Entwicklungen in Ungarn und in den politischen Systemen Zentral- und Osteuropas nicht zielsicher verortet. Wie um dazu ein Beispiel liefern zu müssen, wurden die von der ungarischen Regierung eingeführten Sonderabgaben, mit denen vor allem ausländische Banken zur Kasse gebeten werden, gerade aus westlicher links-liberaler Journalisten-Sicht heftig kritisiert.

Ende oder Wende – Zerbricht Europa?

Mit „Ende oder Wende – Zerbricht Europa?“ befasste sich ein weiterer Panel, der leider von den allseits bekannten, offenbar unvermeidlichen und ebenso unglücklich daherkommenden Polit-Märchen als Input dominiert wurde, deren charmebegrenzter Inhalt nur noch mit dem österreichischen Politiker- Schmäh konkurrieren kann.

Bezüglich der Gesprächsführung muss Susanne Glass, der ARD- Korrespondentin für Österreich und Südosteuropa, an dieser Stelle ein Kompliment ausgesprochen werden: Klug geführte Fragestellungen, die niemals auf die im ORF entwickelte Ich-frage- und- sie-sagen- was-sie-wollen-Technik absank, sondern versuchte Stellungnahmen und Bekenntnisse jenseits der politikbetriebsüblichen Schaumsprache an den Tag zu fördern. Der Wirtschaftsforscher Stefan Schulmeister übernahm die Rolle, die europäische Finanzkrise aus makroökonomischer Sicht zu erklären. Aus meiner Sicht ein Meister dieser Kunst, denn dieses komplizierte Phänomen klang bei ihm dermaßen klar und einfach, dass mich das Gefühl beschlich, so einfach könne die Welt doch gar nicht erklärt sein. Stefan Melzer vom Handelsblatt proklamierte den Tunnel am Ende des Lichts zur erstrebenswerten Utopie mit dem Trend der Neuen Bescheidenheit: „Wir leben wirklich auf zu hohem Wohlstands-Niveau! In den Ländern Osteuropas kommt man mit viel weniger aus.“

Allesamt etwas bizarr wirkten die hochrangigen Gäste aus der Politik: Selbstkritik scheint ihre Sache nicht zu sein, wenn (unisono und unaufhörlich, so auch hier) erklärt wird, dass die Bevölkerung ja keine Ahnung von den Komplexitäten der EU- Politik und deren Denktiefen hätte. Dazu sollte gesagt werden, dass es wohl zur Aufgabe der Spitzenpolitik gehört, Politik zu erklären. Punkt. Rechtzeitig bevor die Zündung diverser semantischer Nebelgranaten zum Thema „Europäische Identität“ sinistere Aversionen auslösen konnte, wurden die Themenblöcke der Diskussion überantwortet.

Alles in Allem kann man den Veranstaltern wirklich gratulieren, und zwar für das Schaffen eines Diskussionsformates in dem Widerspruch und ein leidenschaftlicher Wettbewerb um Positionen eine Selbstverständlichkeit darstellen, und das in einer mehr als angenehmen Atmosphäre. Wenn ich eine Empfehlung abgeben darf: Bei einem nicht nur interessierten, sondern auch interessanten Zuhörerkreis wie diesem, dürfen die Inputs nächstes Jahr ruhig etwas anspruchsvoller ausfallen.

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Zeit um den Meinungsstall auszumisten: Schlachten wir die Martinigansl!

Bevor der Winter einbricht und die Fastenzeit beginnt ist es Brauch das Federvieh zu dezimieren und in ein Schlemmermahl zu verwandeln. Ein guter Brauch, der den Vorratsschrank für die karge Zeit rüstet. Also wollen wir mal sehen, was wir aus dem Meinungsstall zur Schlachtbank führen könnten.

Reif zum abschlachten ist zweifelsohne die ebenso überflüssige wie nervtötende Bildungsdebatte. Mit enervierendem Gejammer über irgendeine fiktive Zukunft fiktiver Kinder, beides beheimatet in realitätsentrückten Gehirnen besorgter Untergangsphantasten, wird ein hitziger Aktivismus herbeigeschrieben, der jeder Logik entbehrt. Da sowohl ausreichend Mittel wie auch politischer Wille und schlüssige Konzepte fehlen, ist schon vor einem Jahr klar gewesen, dass dabei nichts anderes als Politainment produziert wird. So dröhnt das permanente Lamentieren über den Status quo und die kopflose Dauerbesorgnis ohne erkennbaren Sinn über alle Kanäle und hat längst jeden klaren Gedanken über Bildungspolitik erstickt.

Nun zum nächsten Debattengansl: die Pensionsansprüche. Solange es hierzulande nicht möglich ist, über Pensionen in der gebührenden Aufrichtigkeit zu Informieren, sollte dieser Gans der schnatternde Hals umgedreht bleiben. Das zeigte sich allzu deutlich, als angesichts der unbestrittenen Problematik der Finanzierung, ausgerechnet die Kürzung der Invaliditätspensionen überlegt wurde. Da in den Medien dieser Vorschlag ohne auch nur ein leises Anzeichen des inneren Ekels abgehandelt wurde, haben sowohl Politik als auch Medienvertreter den letzten Rest an Anstand verspielt.

Der Martinstag ist traditionell auch Zeit zum Abrechnen und der Zehent wird eingefordert. Wir bei XING akzeptieren auch Naturalien und würden uns über den Kadaver der Budgetdebatte freuen. Längst ist nämlich die Zeit zum Handeln gekommen. Die große Koalition wurde angeblich ja geschmiedet, um Großes zu leisten. Eine grundlegende Verwaltungsreform wurde damals versprochen. Die Grundlagen dazu existieren längst – Kommissionen haben getagt, der Rechnungshof berichtete – und harren der Umsetzung. Allein, die politisch Verantwortlichen sehen keinen Handlungsbedarf. Damit Regierung und Verwaltung ihre Redimensionierung selbst in die Hand nehmen, leuchten wir gerne mit unserer Laterne…

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Das Huhn, das Ei und die Logik der Eierspeis: Wirtschaftsjournalismus!

Bis jetzt fragten nur wenige nach, wozu es Wirtschaftsjournalismus gibt. Dann kam 2008 „plötzlich“ (!) die Finanzkrise und das Versagen im Erkennen und Kommentieren sowohl der Wirtschaftsjournalisten, als auch der von ihnen präsentierten Ökonomen schockierte.
Wer sich angesichts des unreflektierten Gebrabbels aus den Redaktionsstuben fragte, worin noch mal die Berechtigung der Vierten Macht im Staate rührt, die eine funktionierende Demokratie auszeichnet, findet das individuelle Unbehagen über die inexistente Informationsarbeit in zwei großen Studien zum Wirtschaftsjournalismus grandios bestätigt.

Ende 2010 erschien „Bad News – How America´s Business Press Missed the Story of the Century“. Dean Starkman steuert darin eine breit angelegte Untersuchung der wirtschaftsbezogenen Berichterstattung zwischen 1. Jänner 2000 und 30. Juni 2007 bei. Mit diesem Zeitraum wollte man die gesamte Immobilienblase in ihrer Entwicklung einfangen bis zum Datum vor dem tatsächlichen Crash.

Das untersuchte Sample umfasste die neun einflussreichsten Medienhäuser: Wall Street Journal, New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, Bloomberg News, Financial Times, Fortune, BusinessWeek und Forbes. In dem gesamten Zeitraum konnte Starkmans Team in einer überbordenden Flut an Berichten – allein das Wall Street Journal brache es auf 220.000 Artikel – ganze 730 Artikel ausmachen, die sich kritisch mit den sich abzeichnenden Risiken beschäftigen.

Die zweite Studie „Wirtschaftsjournalismus in der Krise – Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik“ untersuchte die Situation in Deutschland. Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz analysierten die Berichterstattung von Handelsblatt, TAZ, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Financial Times Deutschland im Zeitraum von Frühjahr 1999 bis Herbst 2009. Arlts Befund: „Der Wirtschaftsjournalismus der tagesaktuellen Qualitätsmedien war fast ausnahmslos so sensationell schlecht, dass es uns ausgeschlossen erscheint, einfach zur Tagesordnung über zu gehen.“

Das Fazit der Autoren ist erschütternd. Einerseits weil es den „Qualitäts-“Journalismus ins Mark trifft und andererseits weil die Folgen des Informationspfusches gewaltig sind. Ich möchte hier einige Stellen herausheben, aber nicht ohne Sie zum detaillierten Nachlesen aufzufordern.

„Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des
Mainstreams, kein kritischer Träger der Aufklärung. Im Bereich der Wirtschaft, den die
Gesellschaft selbst für ihren wichtigsten hält, leistet sie sich einen tagesaktuellen
Journalismus, der wenig Information bietet und viel Desorientierung verursacht.
[…]
Der Wirtschafts- und in diesem Fall Finanz- und Finanzmarktjournalismus hat sich meist
intensiv um die Perspektive der Anbieter und Anleger/Nachfrager gekümmert. Die
kritische Darstellung der neuen Finanzbranche, ihr Wandel von einem Dienstleister zu
einer Art Finanzindustrie, sowie die Folgen daraus für das Gemeinwohl, also die
Perspektiven von Volkswirtschaft und Gesellschaft, waren kein Thema.

Es gab nicht nur kompetentes, prominentes und gut zugängliches kritisches Wissen –
wie der Literaturbericht in der Studie ausführlich belegt –, es gab zudem in dem Zeitraum
von 1999 bis Mitte 2007 mehrere von den Autoren untersuchte bedeutende Ereignisse,
die Anlass für eine entsprechende Berichterstattung gewesen wären. Auch diese wurden
nicht genutzt, sondern ebenso wie das kritische Wissen ignoriert. Von Mitte des Jahres
2007 an hätten die Massenmedien ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht werden
können und müssen. Sie haben in dieser Frage versagt.

Vor allem SZ, FAZ und HB halten zu lange an einem Deutungsrahmen fest – der Markt
reguliert via Preis das Wirtschaftsgeschehen effizient, der Staat soll sich heraushalten –,
der den Ereignissen nicht mehr gerecht wurde. Deshalb war sogar ihre zunehmend
qualitätsvollere Berichterstattung in der Krise mit einem Orientierungschaos verbunden.
Der Wirtschaftsjournalismus verliert seinem Publikum gegenüber kein Wort über seine
Defizite der Vergangenheit.
[…]
Die Redaktion arbeitet “perspektivenarm”: Das heißt, im Mittelpunkt der Arbeit stehen die
jeweils offiziell wichtigsten Akteure, Vertreter der deutschen Regierung zuallererst,
Bankenvertreter, wenige Wissenschaftler und deren Sichtweisen.
Der Befund der “Perspektiven-Armut” gilt für die Informationsarbeit ebenso wie für die
Kommentierung. Das direkte Geschehen an der Börse und deren Perspektive nehmen in
der Wirtschafts-Berichterstattung einen ungewöhnlich umfangreichen Platz ein.
[…]“

Arlt und Storz stoßen eine längst überfällige Diskussion an, die von der Verflechtung der Redaktionen mit Politik und Wirtschaft, über die eklatanten Defizite an Bildung, Reflexionsvermögen und Fachwissen, in die desaströsen Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs und damit ins Unterschlagen des Zur-Verantwortung-Ziehen der Akteure in Politik und Wirtschaft mündet.

Woran liegt es? Sind die Redaktionen so ausgedünnt und finanziell durch den Rückgang an Werbeeinnahmen geschwächt, dass qualitätsvolle, investigative Recherche nicht mehr möglich ist? Dem steht entgegen, dass Arlt und Storz auch die alt-ehrwürdige ARD-Tagesschau unter die Lupe genommen haben und dort ebenfalls keine Spur von Vielfalt an Informationsquellen oder Ausgewogenheit der Perspektiven zu finden war. Ein Beamten-Journalismus á la ORF wäre allenfalls ein potenziertes Schreckenszenario.

Sind die Wirtschaftswissenschafter schuld? Verstecken sich die hellsichtigen, kritischen Geister in unzugänglichen Elfenbeintürmen und überlassen das mediale Feld den finanzmarkthörigen Vasallen ihrer Zunft? Arlt und Storz meinen, in Deutschland habe es keinen Mangel alternativer wirtschaftswissenschaftlicher Quellen gegeben. Journalistische Routine und Überzeugung hätten aber Vorrang vor kritischen Fragen oder gar Unsicherheit. Wagen wir einen Blick nach Österreich, so kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass ich noch in keinem Wirtschaftsteil auf offene Fragen oder gar aufgezeigte Grenzen des mitgeteilten „Wissens“ gestoßen bin.

Aus heutiger Sicht bin ich nicht optimistisch, dass die von Arlt und Storz geforderte selbstkritische Diskussion geführt wird oder gar nach den Ursachen des Versagens des Wirtschaftsjournalismus gefragt wird. Eher wird man sich nicht aus der Tagesroutine bringen lassen und selbstgefällig weitermachen wie bisher. Was solls?

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