Reden wir über Missbrauch. Geht das?

Schwarze Pädagogik war doch üblich, das darf man im Nachhinein nicht skandalisieren, oder? Diese alten Geschichten sind doch längst obsolet, die Zeiten haben sich geändert, oder? Heute ist eine völlig andere Zeit – Heime, Internate, Erziehung allgemein ist doch mit den Verhältnissen vor 40 Jahren nicht vergleichbar…

Stimmt. 2011 können wir erwarten, dass Lehrer, Eltern und Erzieher andere Strafmaßnahmen anwenden als damals. Aber ist es gerechtfertigt diese „alten Geschichten“ ruhen zu lassen? Ich meine: Nein. Und zwar aus zwei Gründen: 1.) Es ist noch immer nicht möglich, Missbrauch als solchen zweifelsfrei zu benennen und als schädlich zu qualifizieren 2.) werden Opfer, egal welcher Missstände, in Österreich offen beschimpft und lächerlich gemacht. Hier möchte ich als Beispiel über die Lesung (6.12.2011) von Michael Amon sprechen, der in seinem aktuellen Buch über die Zustände in einem Wiener Internat aus seiner Kindheit berichtet.

Die Buchpassagen, die Amon zum Vortrag bringt, sind seine persönlichen Erinnerungen an Personen, Praktiken und Strukturiertheit einer mittlerweile in dieser Form nicht mehr existenten Institution. Er schildert das kindliche Ausgeliefert-sein, das Zerbrechen an brutalen und maßlosen Ordnungsmaßnahmen, das eiskalt korrekte Vorgehen enthumanisierter Erziehungsamtsträger. Die Erinnerungen wurden aus der zeitlichen Distanz niedergeschrieben und diese Distanz ist – so glaube ich – auch notwendig, denn selbst die Vorstellung von kleinen sechsjährigen Kindern, die verprügelt werden, in Isolierkammern gesperrt, oder mit Erbrochenem zwangsgefüttert werden ist widerwärtig und schwer erträglich. Als selbst erlebte Kind-Erinnerung aber, wer möchte es wagen sich an das schock-gefrorene Amalgam aus Schrecken, Angst und Schmerzen zu tasten?

Aus diesem Grund sind für mich Reaktionen, die oben unter 1.) fallen, zu einem gewissen Grad verständlich. So besuchten die Lesung im Theater Spielraum (6. 12. 2011) auch Menschen, die selbst in Heimen der gleichen Organisation (Neulandbund) ihre Schulzeit verbrachten haben und sich nach Amons Lesung zu Wort meldeten. Über den ersten Bericht von einem ehemaligen Schüler und späteren Lehrer von Amon an derselben Schule, wunderte ich mich. Er begann damit, die Misshandlungen an sich und anderen Schülern während seiner Schulzeit im Wiener Internat zu relativieren, indem er das noch brutalere Vorgehen seines Vater zu Hause schilderte. „Zu Hause fürchtete ich weniger die Schläge mit dem Gürtelriemen. Meine größte Angst war es, wenn ich unter den Bett-Tuchent gedrückt wurde – ich hatte Angst zu ersticken… Daheim, in der Schule mussten wir auf Bleistiften knien, das war noch viel schmerzhafter als in Wien.“ Und weiter „Ich war ja ein sehr aufmüpfiges und hyperaktives Kind…In Wien im Internat war ich eher ein stiller Außenseiter…“

Ein sehr aktives Kind wird plötzlich zum ruhigen Einzelgänger? Der ehemalige Schüler und spätere Lehrer glaubt, es habe mit seinem südösterreichischen Dialekt zu tun gehabt, was ihn von den Wiener Kindern unterschied und somit zum Außenseiter stigmatisierte. Schwarze Pädagogik? Aber nein, das Einzige, was von der üblichen Praxis der Zwangs-Fütterung geblieben ist, wäre nur, dass er bis heute (der Mann ist längst in Pension) immer etwas Essen auf dem Teller übrig lässt und sich im Stillen freut…

Noch mehr wunderte ich mich bei der nächsten Wortmeldung. Ein ehemaliger Schüler des Bad Ischler Internates, das in Amons Buch sehr düster gezeichnet wird, erzählte von den engagierten Erziehern dort, die sich ausnehmend für das Wohl der Buben einsetzten. „Die Erzieher haben viele Sportmöglichkeiten ausgerichtet. Wir konnten jeden Tag Faustball spielen. Gerade für Buben wurde viel gemacht.“ In Amons Buch freilich, wird das Bad Ischler Internat anders beschrieben. Besonders der Internatsleiter, ein fanatischer Frömmler der als Soldat im zweiten Weltkrieg seine soziale Prägung überformt hat, wird in Szenen exzessiver Brutalität geschildert. „Ja, der hat halt manchmal Buben quer durch den Speisesaal geboxt, aber sonst war da nix.“

Es folgten noch weitere, ähnlich gelagerte Wortmeldungen. Einer erzählte von seiner Internatszeit in Bad Ischl: „Mein kleinerer Bruder saß neben mir im Speisesaal. Da prügelte Menschhorn auf ihn ein… Aber es war nicht schlimm.“ Wie gesagt, zu einem gewissen Grad kann ich diese euphemisierende Haltung von Menschen verstehen, die Schwarze Pädagogik am eigenen Leib erfahren haben. Es geht schließlich um die eigene Kindheit, die normal und gesund zu sein hat, und für niemand ist es leicht, sich selbst eine passive Opfer-Rolle zuzugestehen.

Was ich nicht verstehen kann, ist eine derart tendenziöse und offensiv-joviale Wortmeldung, wie es sich Niki Glattauer im Kurier getraut. Dieser Kommentar steht stellvertretend für ähnlich gelagerte Text- und Meinungsproduktionen für Punkt 2. Was will uns denn Herr Glattauer hier erklären? Er spielt sich als Zeuge auf (er war im selben Internat; auch der Bruder offenbar; haben auch besagten Menschhorn gekannt…) und muss „dringend ein Gegendokument“ veröffentlichen.

Der ganze Kommentar läuft darauf hinaus, die Glaubwürdigkeit der Schilderungen im Buch und den Autor zu unterminieren und der Lüge zu zeihen. Das nenne ich öffentliches lächerlich machen von Opfern und Ehrabschneiderei. Dass Herr Glattauer zu einer anderen Zeit in dieser Institution war, und seine Erlebnisse genau gar nichts über die Zustände aussagen, über die Amon spricht, hält er nicht nur zurück, sondern macht den Leser gleich im ersten Absatz durch die Bezugnahme auf Amons Buch glauben, dass seine Lausbubengeschichten im Zusammenhang mit besagten Missbrauchsfällen stünden. In einer zivilisierten Gesprächskultur müsste man sich schämen, in diesem Kontext Witze zu reissen. Aber in Österreich, wo Comedians die intellektuelle Meinungsführerschaft übernommen haben, ist alles möglich.

Posted in Uncategorized | 1 Comment

Österreichs Gretchenfrage: Nun sag´, wie hast du´s mit der wissenschaftlichen Redlichkeit?

Da steh ich nun ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor. So hat die Agentur für wissenschaftliche Integrität festgestellt, dass an Herrn Johannes Hahns Doktorarbeit nichts zu bemängeln sei, da damals an der altehrwürdigen Universität Wien wissenschaftliches Arbeiten noch gar nicht praktiziert wurde?!? Persönlich und vertraulich (!) wurde Frau Prof. Dr. Kopp kurz und knapp von der österreichischen Kommission für wissenschaftliche Integrität mitgeteilt, dass die fragliche Arbeit NICHT den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens entspricht, ABER es sei nicht zu verfizieren, ob diese an der Universität Wien damals schon gegolten hätten!!!

Für Hahn ist dies ein zufriedenstellendes Ergebnis, für Österreichs Wissenschaft aber verheerend. Es bedeutet nämlich nichts weniger, als dass an der einzigen Universität des Landes, die auf internationalen Rankings einigermaßen von Bedeutung ist, noch nicht einmal wissenschaftliche Standards vorausgesetzt werden können. Damit stellt die Kommission quasi amtlich fest, dass eine der ältesten Universitäten der Welt es verabsäumt hat, umfassend von der mittelalterlichen Praxis des Transkribierens auf die wissenschaftliche Methoden der Moderne umzusteigen. Das Ansehen österreichischer Universitäten wird in aller Öffentlichkeit der Lächerlichkeit Preis gegeben.

An der Universität Wien glaubt man dazu noch, mit der Veröffentlichung dieses geistigen Armutszeugnisses die wissenschaftliche Ehre wieder hergestellt zu haben. Statt dessen wird öffentlich beglaubigt, was viele ahnen, dass hierzulande der Preis akademischer Titel nach sozialer Stellung variieren.

Wieder mal hat ein hochbezahlter Beamtenadel einen unermesslichen Scherbenhaufen hinterlassen. Nicht einmal die Gutachter dieser hochnotpeinlichen “Stellungnahmen” wollen offensichtlich damit in Verbindung gebracht werden. Nachfragen unerwünscht.

Von einer Tragödie kann man aber nicht sprechen. Erstens meinen die allermeisten Beobachter, dass es völlig belanglos ist, ob eine Arbeit in Philosophie abgeschrieben wurde oder nicht. Zweitens finden die allermeisten Absolventen der Universität Wien nichts dabei, wenn ihr Kommilitone und späterer Wissenschaftsminister (!) den Doktortitel unredlich erhalten hat.

Vielleicht ist den Akademikern nicht klar, dass der Preis für die Reinwaschung dieser Promi-Doktorarbeit die Reputation ihrer Diplome ist. Hier wurde österreichische Wissenschaft auf das Niveau einer Bananenrepublik geschraubt. Ich bin zwar grundsätzlich gegen Studiengebühren, aber anscheinend brauchen Absolventen eine Ahnung davon, was anderswo ein Abschluss an einer ähnlich gerankten Universität kostet und was so ein Abschluss eigentlich wert ist. Der Gratis-Doktor der Uni-Wien scheint deren Trägern jedenfalls nicht kostbar genug, um sich gegen diese kollektive Demütigung zu stellen.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Kein Kindle in der Krippe?

Entgegen den allgemeinen Trend, der ausgehend von Amazon in den USA auch die deutschen Buchkonzerne beflügelt, sind Ebooks am österreichischen Markt ungeliebte Ladenhüter. Angeblich sind die Absatzzahlen so gering, dass sie nicht in Prozentzahlen auszudrücken sind, so Michael Kernstock, Obmann des Fachverbandes Buch- und Medienwirtschaft der Wirtschaftskammer zum Online-ORF. Laut einer Umfrage des Hauptverbandes des Österrechischen Buchhandels wollen 36 Prozent der Verlage überhaupt nicht ins Ebook-Geschäft einsteigen. Fazit der ORF-Journalistin Claudia Glechner: „Der österreichische E-Book-Markt liegt am Boden.“

Was ist davon zu halten? Sind die österreichischen Konsumenten ein weltweit einzigartiges Phänomen, wie die Zwerge hinter den sieben Bergen, die mit der neuen Buch-Welt nichts zu tun haben wollen? Oder schauen die Verantwortlichen in einen trüb gewordenen Zauberspiegel, der auf die Frage „Was wird gelesen im ganzen Land?“ nur noch ein Zerrbild liefert?

In meiner Welt nämlich, klingelt fast täglich zweimal der Postmann. Ich arbeite oft zu Hause und bin in unserem Wohnhaus eine der wenigen, die tagsüber die Tür öffnen. Der Postmann bringt meistens die Bücher für meine Nachbarn. In meiner Welt treffe ich die Klassenkameraden meines 11jährigen Kindes, die fast alle mit den neuesten Technikgadgets hochgerüstet sind. Kaum jemand kann mit einem Wörterbuch umgehen, aber alle sind bestens mit Leo vertraut. In meiner Welt kennen alle Amazon und iTunes und fast niemand einen guten Buchladen.

Wenn der Branchen-Handelsriese Thalia – laut Financial Times Bericht – die Verkaufsfläche für Bücher auf 60 % reduzieren will, und verzweifelt um eine Strategie ringt, den Anschluss im Online-Geschäft nicht zu verlieren; Wenn junge Leser gewohnt sind, im Buchhandel Papierwaren zu kaufen und Lesestoff auf Amazon und iTunes; Wenn besorgte Autoren, die enorme Arbeit und Zeit in ein Buch gesteckt haben, sehen, dass es Verlage und Buchhandel nicht unter die Leute sondern nur in verstaubte Regale bringen; Dann ist es höchst an der Zeit die Scheinwelt des erhobenen Datenmaterials kritisch zu prüfen.

Denn es ist absehbar, dass in einigen Wochen Kindles unter dem Weihnachtsbaum liegen werden. Daneben auch eine Fülle neuer Geräte, die so gut wie alles können, nicht zuletzt eben auch eine schier unbegrenzte Flut an Lesestoff in wenigen Sekunden aus dem Netz holen und in prima Qualität anzeigen. Autoren und Leser in Österreich werden nicht darauf warten, bis die Buch-Funktionäre, statt in den Schneewittchen-Spiegel überholter Daten, einfach mal aus dem Fenster schauen.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Die Buchwelt ohne Oprah Winfrey

Scheinbar ist es unmöglich, über Bücher und Lesen zu diskutieren, und die sich einschleichende Nostalgie in den Griff zu bekommen. Beklagend besetzt sie das unangesprochene Zentrum der Reflexionen, dass das Buchzeitalter und damit die Bildungsideale vor dem Ende stünden. Trotzig hält sich die Illusion von einer schillernden Vergangenheit, in der Menschen vom Bücherlesen gescheiter und nicht von Massenmedien verblödet waren.

Ted Striphas ist kein Gefühlsmensch, sondern ein sehr nüchterner Medienwissenschaftler. Mit The Late Age of Print lädt er seine Leser dazu ein, die moderne US-amerikanische Buchwelt so zu betrachten, wie sie ist: eine Konsumwelt in einer populistischen kapitalistischen Demokratie. Und so weit ist die Europäische Kultur davon nicht entfernt, dass sich ein Vermessen der Bücher in Relation zu anderen Verbrauchsgütern nicht lohnen würde.

Um hier nicht zu polemisch zu wirken, Bücher sind nicht einfach Teil des Konsumkapitalismus. Bücher stehen viel mehr am Anfang dieser Entwicklung, sind ein fundamentaler Teil aus dem sie sich speist und der Schlüssel zum Verständnis von Wandel und Verwandlung der Konsumkultur. Für den Anfang sei hier erwähnt, dass Buchhandlungen das Modell der späteren Supermärkte waren. Hier wurden die Regale nicht hinter dem Verkaufstresen aufgestellt, sondern im zugänglichen Verkaufsraum – und das noch lange bevor das Wort „Selbstbedienung“ erfunden war.

Aber kommen wir zurück zur allseits beschworenen Nostalgie über das angebliche Verschwinden der Bücher. Striphas stellt dem die nüchterne Frage entgegen, was Menschen überhaupt dazu verleitet, Bücher zu lesen. Und das führt direkt in die Bereiche, über die die Literaturkritik gerne die Nase rümpft und für die sich Bildungsbeamte nicht zuständig fühlen: Harry Potter und – in den USA – Oprah Winfreys Buchklub.

1996 eröffnete Oprah ihren Buchklub mit den Worten „I want to get the whole country reading again.“ Niemand ahnte, dass das aus damaliger sicht recht ambitionierte Ansinnen ein Massenphänomen auslösen würde. Jacquelyn Mitchards Deep End of the Ocean stürmte nach der Buchbesprechung bei Oprah alle Bestseller-Listen. Das plötzliche Interesse einer breiten Masse an Lesern veränderte den us-amerikanischen Buchmarkt fundamental. Oprahs Buchklub bestimmte regelmäßig die Bestsellerlisten der New York Times und brachte das Thema Bücher auf die Titelseiten der Zeitungen.

Wichtiger aber ist, dass Oprah es wirklich schaffte breite Schichten der Bevölkerung zum Lesen zu bringen. Vor allem farbige Frauen, Frauen mit niedrigem Bildungskapital, Frauen aus kleinen Verhältnissen, Frauen, am Rand der Gesellschaft. Ein, nach den Regeln des Medienmarktes, verrücktes Mimikry-Spiel gelang und ein populäres TV-Format übertrug Reichweiten in ein anderes Medienformat.

Der Buchklub ist seit 25. Mai 2011 Geschichte, aber Striphas Untersuchung zu den Strategien, die Oprahs Empfehlungen zum US-Buchmarktgesetz werden ließen, sind aktueller denn je. Die Marktdynamiken, die der Buchklub freisetzte sind maßgeblich für das Verständnis des Konsumgutes „Buch“ und Phänomene wie „Harry Potter“. Ein faszinierender Aspekt dabei ist, wie der Buchklub Lesen um die soziale Dimension erweiterte und an der Demarkationslinie zwischen Literatur und realem Leben verspielt vorbeitalkt.

Gerade in unseren Breiten, wo sich Literatur und Selbstmitleid so oft die Hand geben, sei ein Blick in The Late Age of Print ans Herz gelegt. Die freudlose Allianz aus am Hungertuch nagenden Autoren und Kleinverlagen mit einem kaltschnäuzig einfallslosen Ketten-Buchhandel muss nicht sein (siehe Michael Amon für eine exzellente Beschreibung von der aktuellen Situation in Österreich in XING 19)!

Posted in Uncategorized | Leave a comment